Das jüngste Gericht

Buchcover Das jüngste Gericht“… zu richten die Lebenden und die Toten”: keine besonders populäre Glaubenswahrheit. Die Rede vom “jüngsten Gericht” ist – wenn ich es recht sehe – aus Predigt und Katechese weitgehend verschwunden. Zu Unrecht, wie ich meine. Es ist nun schon 6 Jahre her, dass ich die Gelegenheit hatte, den Tübinger Pastoraltheologen Ottmar Fuchs für eine Publikation zum Thema “Gericht” zu interviewen. Fuchs hatte zuvor das empfehlenswerte Buch “Das jüngste Gericht. Hoffnung auf Gerechtigkeit” herausgebracht. Dieses Interview gebe ich im folgenden wieder (NK).

Herr Professor Fuchs, freuen Sie sich auf die Auferstehung?

Ja. Das ist zumindest meine erste spontane Antwort. Beim Nachdenken spüre ich aber auch eine Spannung: Ich hoffe, dass meine Geschichte und die der anderen Menschen gut ausgeht, aber ich kann nicht auf eine “billige” Gnade hoffen. Und mir kommen Fragen, etwa: Welche Rolle habe ich im Gefüge der Welt gespielt? Denn das wird bei der Auferstehung, bei der Begegnung mit Gott offenbar werden. Auferstehung heißt ja Auferstehung zum Gericht. Dieser Gedanke jagt mir  keine Angst ein, aber ich spüre Gottesfurcht.

Das Gericht zu verkündigen, ist zur Zeit nicht sehr populär. Im Breisacher St.-Stephan-Münster gibt es ein monumentales Fresko von Martin Schongauer: Das Weltgericht. Im Laufe der Zeit wurde es übertüncht und auch beschädigt. Heute ist es zwar freigelegt, doch die Malerei ist verblasst. Man kann sie nur noch schemenhaft erkennen. Hat die Verkündigung des Gerichts nicht ein ähnliches Schicksal erlitten?

Ja, es ist wie ein Sinnbild für die verblassende Verkündigung des Gerichts. Übrigens habe ich Ähnliches einmal in Litauen in einer Wallfahrtskirche erlebt. In  der Chorapsis befand sich ein großes Wandgemälde, das das Weltgericht zeigte. Aber es war vom barocken Hochaltar verdeckt. Das Bild ist noch da, doch niemand sieht es mehr.

Im Glaubensbekenntnis. heißt es von Jesus Christus, dass er wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Wird dieser Satz nicht mehr recht ernst genommen?

Nein, dieser Satz wurde in den letzten 50 Jahren nicht mehr ganz ernst genommen. Aus nachvollziehbaren Gründen übrigens, weil zuvor Höllendrohungen ein unangemessen großes Gewicht hatten. Nun ist das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen. Die Rede vom Gericht wurde aufgelöst zugunsten einer undifferenzierten Botschaft von der Liebe Gottes, die aber, weil sie so undifferenziert ist, das Leben mit seinen Abgründen nicht mehr ernst nimmt. In der Gesellschaft ist die Thematik allerdings sehr wohl noch präsent. In Filmen etwa. Die Bilder sind zum Teil unserer kirchlichen Verkündigung entnommen, im Kino dienen sie jetzt der Unterhaltung.

Können Sie in wenigen Sätzen sagen, was das Jüngste Gericht ist?

Im Gericht nimmt Gott unser Leben, wie wir es hier gelebt haben, zutiefst ernst. Ob wir Opfer waren, die um ihre Chancen beraubt wurden und ihr Leben verloren. Oder ob wir Täter waren, diejenigen, die anderen das Leben geraubt haben. Opfer und Täter, das sind jetzt Extreme; vermutlich stehen die meisten von uns auf beiden Seiten. All das, unser Leben und unsere Taten, das kommt im Gericht ans Licht. Und zugleich kommt Gott uns entgegen mit seiner unendlichen Liebe und seiner unendlichen Versöhnungsbereitschaft. Aber diese Liebe und Versöhnung macht die Erinnerung und das schmerzliche Selbst-Erkennen nicht einfach überflüssig. Die Liebe Gottes verdeckt und vertuscht nichts. Sie macht offenbar.

In Ihrem Buch beschreiben Sie das Gericht als schmerzhaften Prozess. Aber am Ende werden doch alle gerettet?

Das hoffen wir. Ja, wir hoffen, dass am Ende alle gerettet werden. Aber wir wissen es nicht. Wir haben das gute Ende nicht in der Hand. Und wir können Gott nicht festlegen, wir müssen ihm die Freiheit lassen. Wir können ihm nicht vorschreiben, dass er Menschen in die Hölle verbannen muss. Genauso wenig können wir ihm vorschreiben, dass er alle zu retten hat. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass Menschen so abgrundtief böse sind, dass sie sich dem Heil und der Versöhnung verweigern. Wir müssen an der Hölle als Möglichkeit festhalten…

… und hoffen, dass sie leer ist?

So hat es Hans Urs von Baltasar ausgedrückt. Ja, in dieser Formulierung finde ich mich wieder. Wir dürfen nicht vergessen, dass Heil und Verdammnis keine gleichwertigen Alternativen sind. Sonst würden wir die Erlösung durch Jesus Christus nicht ernst nehmen.

Portalhalle Freiburger Münster

Portalhalle Freiburger Münster; Foto: Christoph Hoppe

Wenn wir mittelalterliche Gerichtsdarstellungen sehen, etwa am Freiburger Münster, dann werden die Geretteten und die Verdammten gleichgewichtig dargestellt. Beide Bildteile nehmen den gleichen Raum ein.

Und dieses Bild stimmt auch, es gibt eine Scheidung zwischen Gut und Böse im Gericht. Aber wir befinden uns gewissermaßen auf beiden Seiten, da wir, jedenfalls die meisten von uns, Gutes und Böses getan haben. Ja, dieses Bild stimmt, aber es stellt nicht den gesamten Prozess dar.

Sie verstehen das Jüngste Gericht als prozesshaftes Geschehen.

Ja. Das Gericht ist etwas dynamisches, ist eine Begegnung mit Gott. Wer sich dem Gericht, dem Prozess der Begegnung mit Gott öffnet, der wird von der Liebe Gottes erfasst und gerettet. Wer sich diesem Prozess verweigert, ist verloren. Unsere begrifflichen Vorstellungen sind immer begrenzt, wenn es um die Letzten Dinge geht, deshalb bedient die Verkündigung so vieler Bilder und bildhafter Reden. Und wir müssen diese Bilder ernst nehmen und ins Gespräch bringen.

Nochmals zur Hölle: Taten, die zum Himmel schreien, rufen die nicht auch nach der Hölle?

Ja, der Satz stimmt. Taten haben einen “Unendlichkeitsanteil”: Es gibt Taten, die sind so abgrundtief böse, dass der Täter unendlich dafür büßen müsste. Diese Taten werden konfrontiert mit der unendlichen Vergebungsbereitschaft Gottes. Aber es kann sein, dass es Menschen gibt, die sich nicht dieser Versöhnungsbereitschaft öffnen.

In der Weltgerichtsrede Mt 25, 311ff gibt Jesus ganz konkrete Kriterien für das Gericht an, nämlich die sechs Werke der Barmherzigkeit und damit das Engagement für die Armen. Die Versuchung liegt nahe, diese Rede irgendwie abzuschwächen, als Mahnung, die man aber nicht so ernst nehmen müsste…

Wir müssen sie ernstnehmen. Mt 25 ist keine metaphorische Rede. Ich verstehe den Text genauso, wie er da steht: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. – Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.” Wir müssen von zwei Realpräsenzen Christi sprechen: in der Eucharistie und in den Armen. In den Armen begegnen wir wirklich und wahrhaftig Jesus.

Wenn ich Mt 25,31ff lese, ist das wir ein stachel im Fleisch. Mir fällt mir dann immer die bange Frage der Jünger nach der Begegnung mit dem reichen Jüngling ein: “Wer kann dann noch gerettet werden?” (Mt 1925). Erst die Antwort Jesus “Für den Menschen ist das nicht möglich, aber für Gott ist nichts unmöglich” gibt mir Hoffnung. Und mir fällt der Satz des Zöllners im Tempel ein: “Gott, sei mir Sünder gnädig.”(Lk 18,33).

Ja, das gehört zusammen. Der Anspruch Jesu, hinter dem fast alle von uns zurückbleiben. Und die Hoffnung auf die Gnade Gottes. Das Gericht ist Urteil und Gnade zugleich. In der Verurteilung spricht Gott den Menschen gerecht. Nicht weil dieser es von sich aus ist, weil ihm die unendliche Liebe Gottes entgegenkommt.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich nicht nur der Mensch vor Gott verantworten muss. Sondern auch Gott muss sich vor den Menschen rechtfertigen. Ist das nicht Blasphemie?

Eine biblisch abgesicherte Blasphemie, wenn Sie so wollen. Wir finden den Gedanken im Buch Hiob. Hiob klagt Gott an. Die drei Freunde Hiobs wollen diese Anklage nicht zulassen. Aber Gott gibt am Ende Hiob Recht, nicht den drei anderen. Die Opfer der Geschichte, die Kaputtgemachten, die Ermordeten, die Verhungerten… sie haben ein Recht darauf, dass Gott auf ihre Klage antwortet. Die quälende Warum-Frage wird in der Bibel oft gestellt – denken Sie an die Psalmen – , aber nirgendwo beantwortet. Gott wird sich rechtfertigen müssen im Gericht. Dieser Gedanke ist unabdingbar, wenn wir Gott als allmächtigen Schöpfer wirklich ernstnehmen wollen. Warum hat Gott die Welt so geschaffen, wie sie ist? Warum lässt er so viel Leiden zu?

In Jesus Christus begegnet Gott uns selbst als Leidender, als Mit-Leidender.

Ein zentraler Punkt. Jesus Christus selbst wird die Klage der Opfer geghen Gott Vater anführen. Wir rühren hier an eine innergöttliche Dramatik. Gott Vater kann nicht leiden, sagt uns die Theologie. Aber der auferstandene und erhöhte Christus trägt die Wundmale. Sie sind verklärt, aber nicht verschwunden. Am Kreuz hat Christus selbst den Klagepsalm 22 angestimmt. Er steht in der Reihe der Opfer und führt sie an. Jesus Christus bezeugt uns aber auch, dass wir nicht allein gelassen sind im Leiden. Er bezeugt nicht nur die Klage gegen Gott, sondern auch die Antwort Gottes. Wenn wir Christen von Gott reden, dann können wir dieses Beziehungsdrama nicht ausblenden.

Wird es nicht doch allzu oft ausgeblendet? In Katechese und Predigt zum Beispiel? Haben wir nicht auch eine Christologie-Krise in der Glaubensverkündigung? Zwar ist viel von Jesus die Rede, aber zu wenig von Christus als unserem Erlöser?

Möglicherweise. Zumindest ist die Gefahr der Banalisierung groß. Vielleicht gibt es aber eine unbewusste Sehnsucht nach Christologie. Das könnte die große Nachfrage nach dem Jesus-Buch des Papstes erklären. Benedikt XVI. geht es ja um die Identität von historischem Jesus und geglaubtem Christus.

Welchen Einfluss hat die Rede vom Gericht für eine christliche Lebensgestaltung?

Wer angesichts des Jüngsten Gerichts lebt, der wird seine Schuld, sein Versagen, nicht leugnen. Sünden müssen nicht versteckt oder verdrängt werden. Im Sakrament der Buße haben wir eine Vorwegnahme des Gerichts. Die Absolution ist ein richterlicher Akt: Schuldurteil und Vergebung zugleich. Aber auch im alltäglichen Leben ist wichtig, Schuld aufzudecken – und zu vergeben. Die Botschaft vom Gericht führt uns zur Solidarität mit anderen, auch zum stellvertretenden Handeln. Für die Verstorbenen etwa im Fürbittgebet. Hier kann ich noch etwas für die Toten tun. Oder denken Sie an stellvertretende Sühne. Albert Schweitzer ist nach Lambarene gegangen, um Sühne zu leisten für das, was die Europäer Afrika angetan haben.

“Sühne” ist nun auch nicht gerade ein populärer Begriff.

Nein, aber ein notwendiger. Mit unserem wohltemperierten Glauben erreichen wir die Abgründe nicht mehr, die sich in der Geschichte und in unserer Gegenwart auftun.

Wann haben Sie zuletzt über das Gericht gepredigt?

Dieses Jahr in der Fastenzeit. Ich habe positive Erfahrungen gemacht. Ich bin darauf angesprochen werden, das es gut getan hat: “Endlich hat mal einer dieses Thema angepackt!” Wir dürfen das Gericht nicht tabuisieren. Das Thema macht vielen Menschen Angst, aber ein Verschweigen löst das Problem nicht. Und eine bloße Liebe-Gott-Verkündigung ist zu platt.

Das Interview ist zuerst publiziert worden in: “Himmel – Hölle – Fegfeuer”, IMPULSE für die Pastoral, Heft 4/2007; als PDF-Datei im Download-Archiv des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Freiburg

Die Liebesmacht des Leidenden

Die wohl berühmteste Darstellung das aktuellen Glaubensartikels ist Hans Memlings “Das Jüngste Gericht” (1467-1471). Ich möchte bei den folgenden Überlegungen drei Aspekte dieses Triptychons herausarbeiten, da sie mir unerlässlich für das tiefere Verständnis dieses Glaubensartikels scheinen.

Hans Memling: Das Jüngste Gericht

1. Wie auch bei zahllosen anderen Darstellungen des Jüngsten Gerichts schweben um Christus, den Weltenrichter, Engel, die die Marterwerkzeuge seiner Passion zur Schau stellen: den Marterpfahl, das Kreuz, die Dornenkrone, Nägel, Hammer, Lanze, Ysopzweig. Auch Christus selbst wird als der Gelitten-Habende charakterisiert: der Faltenwurf seines Königsmantels erlaubt einen Blick auf seine Seitenwunde, auch die Stigmata an den Füßen sind klar auszumachen.

Mit dieser Darstellungsweise wird die Frage beantwortet, was den Sohn dazu qualifiziert, zu Gericht über die Welt zu sitzen: seine Passion. Die Menschen werden also nicht von einem fernen, abgehobenen Gott gerichtet, sondern von einem im Wortsinn sym-pathischen, also mitleidenden Gott, der die Abgründe menschlichen Leides erfahren hat. Bei ihm können wir sicher sein, dass seine Urteile gerecht und barmherzig sind.

2. Das Triptychon ist – ähnlich wie andere Darstellungen dieser Art – streng untergeteilt. Das Hauptaltarblatt ist waagrecht halbiert: oben die Sphäre des Göttlichen mit Engeln, Aposteln, Maria und dem Weltenrichter, unten die weltliche Sphäre mit den Geretteten links, dem Erzengel Michael in der Mitte und den Verdammten rechts. Das linke Blatt des Triptychons stellt den Himmel, das rechte die Hölle dar.

Diese ansonsten sehr strenge Einteilung wird zwei Mal durchbrochen: auf der Höllenseite des Triptychons schwebt ein Engel über der Szene, der gerade die Posaune der Apokalypse erschallen lässt, und auf dem Hauptaltarblatt links neben dem Erzengel Michael streitet ein Teufel mit einem Engel gerade um die Macht über eine arme Seele.

Die Macht des Guten reicht also bis in die Hölle hinab, wie auch schon der Artikel des Glaubensbekenntnisses vom Monat März angedeutet hat. Die Bosheit des Bösen, die auch die Geretteten auf seine Seite ziehen möchte, wird hingegen vom Guten in seine Schranken verwiesen. Entgegen eine modernen dualistisch-esoterischen Weltsicht, die Gutes und Böses als gleich-mächtig gegenüberstellen möchte, offenbart sich bei dieser Darstellung also eine andere Botschaft: nämlich die vom Vorrang und der Übermacht des Guten gegenüber dem Bösen. Christus, der bis in die letzten Tiefen des „Reiches des Todes“ hinabgestiegen ist, ist Zeichen für diese Allmacht Gottes, die natürlich in der freien Entscheidung des Menschen ihre natürliche Begrenzung erfährt – weswegen so etwas wie ein Jüngstes Gericht überhaupt notwendig wird.

3. Verbunden werden die himmlische und die irdische Sphäre auf dem Hauptaltarblatt von dem Regenbogen, auf dem der Weltenrichter thront. Dieser spielt auf den Bund an, den Gott nach der Sintflut schließt: Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. [...] Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde geschlossen habe.“ (Gen 8,21. 9,12-17)

Die gesamte Szenerie des Jüngsten Gerichtes steht also unter dem Eindruck dieses Versprechens, das Gott abgegeben hat, das Leben zu schützen, und des Bundes, durch den sich Gott als dem Werk seiner Hände (Ps 8,7) liebevoll zugewandter Schöpfer erweist.

4. Neben der Ernsthaftigkeit der Szenerie bezeugt Hans Memling mit seinem “Jüngsten Gericht” durch die besprochenen Einzelheiten also einen liebenden, mitleidenden, barmherzigen Vater, der sich an diese seine Schöpfung gebunden hat und der sich in seinem Sohn für immer mit den Menschen versöhnen möchte.

Gehen wir ihm entgegen.

PAX

Gericht ohne Fehlurteil

Urteilen und Richten sind als Wörter in Verruf gekommen. Allenthalben wird mir zugerufen: Urteile nicht, richte nicht – selbst dann, wenn ich nur versuche, zu beurteilen und richtigzustellen oder gar mich selbst zu berichtigen.
Aber wenn ich schon bei Erwähnung der Urteilskraft um die Ohren geschlagen bekomme, daß “man” nicht “urteilen” darf, graut mir vor dieser Larifarikultur des Relativismus, in der ich nicht sagen darf “Find ich gut”, weil das ein “Urteil” beinhaltet.

Urteilen und Richten sind grundsätzlich gute, notwendige Dinge, sind menschlich und schaffen Verbindlichkeit. Dies mag ich, jenes nicht – dies ist dem Leben dienlich, jenes nicht – dies ist für den Nächsten oder die Gesellschaft gut, jenes nicht: das sind Urteile, denen jeder sein Handeln und Denken unterziehen sollte. Einem Menschen, der sich niemals ein Urteil bildet, ist alles egal.

Gott ist nichts egal. Ihm ist alles wichtig, Er nimmt jeden Menschen ernst. Deshalb kann Er nicht nur richten – er muss es sogar, weil das Urteil zum Ernstnehmen dazugehört. (Oder kann man glaubwürdig sagen “Ich nehme dich ernst, mach einfach irgendwas, gleich ob es dir selbst und anderen nützt oder schadet”?)
Aber Richten heißt nicht Aburteilen, heißt schon überhaupt nicht Hängen.
Richten kann man auch als Begradigen, Richtigstellen verstehen. Das ist, was Gott tut.
Einem solchen Gericht kann ich gelassen entgegensehen, auch wenn ich mich keineswegs für besonders gut halte. Denn dieser Richter hat Seiner Natur nach gar nicht die Möglichkeit, falsch oder unbarmherzig zu urteilen. Er wird alles richten, berichtigen, ins rechte Lot bringen, wenn Er kommt – hoffentlich bald.

Christus, Richter der Welt

Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Christus wird wiederkommen, als König, als Richter der Welt, um Gottes Herrschaft zu er-richten. Gottes Herrschaft fußt auf Gnade, Seine Gerechtigkeit ist Barmherzigkeit. Grundsatz des Urteils Christi ist die Liebe. Die normative Grundlage des Jüngsten Gerichts ist das Gebot der tätigen Nächstenliebe, der agape, der caritas. Deutlich wird dies an der Stelle im Matthäusevangelium, die sehr konkret das Gericht über die Welt beschreibt (Mt 25, 31-46):

Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.

Jesus meint es ernst mit der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe: Wer ihn liebt, liebt den Menschen. Und umgekehrt. Wer den Nächsten nicht liebt, kann auch Gott nicht lieben. Es findet in diesem Sinne eine scharfe Selektion statt, es wird geurteilt und auch verurteilt. Das Bockige im Menschen, das sich Gott und dem Nächsten verschließt, wird mit Endgültigkeit sanktioniert, das Schafartige, das Gott und dem Nächsten in Liebe begegnet, wird in Ewigkeit belohnt.

Tod oder Leben – darum geht es in der finalen Verhandlung. Das Urteil sprechen wird dabei selbst, mit unserem Verhalten. An anderer Stelle spricht Jesus davon, dass derjenige, der ihm nicht glaubt, schon gerichtet ist (vgl. Joh 3, 18), dass also auch der König und Richter der Welt einen solchen Menschen nicht gegen dessen Willen frei sprechen wird. So ernst nimmt der Herrscher die Freiheit seiner Untertanen, dass Er sie ins Verberben laufen lässt, wenn sie es partout nicht anders wollen. Niemand muss Angst haben, von diesem Richter nicht für voll genommen und oberflächlich abgeurteilt zu werden. Das Urteil schreibt die Disposition des Menschen in der Zeit in Ewigkeit fort. Was will man mehr?

Die „ewige Strafe“ ist damit selbst gewählt. Was man tun muss, um sie zu erhalten, steht bereits jetzt fest: totale Empathieverweigerung gegenüber Gott und dem Menschen. Dann klappt das mit der Hölle – übrigens nicht trotz, sondern gerade wegen der Liebe als Urteilsprinzip. Die Liebe Gottes geht so weit, dass Er dem Menschen die maximale Distanzierung zu Schöpfer und Schöpfung garantiert – in Ewigkeit. Und für die, die das nicht wollen, gibt es ebenfalls gute Chancen auf Erfüllung. Für sie gilt es, Jesus nachzufolgen, es Ihm gleich zu tun und sich mit denen zu identifizieren, die genannt werden: Menschen, denen es am Nötigsten fehlt. Ihnen zu helfen – das ist nicht nur ein Mandat der christlichen Ethik, sondern auch das Tatbestandmerkmal für das Schafsein, dem das „ewige Leben“ folgt.

Josef Bordat

Editorial – Juni 2013

von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten

Das klingt sehr ernst.
Wir befinden uns seit Pfingstmontag wieder im Jahreskreis und möglicherweise bietet ein Blick auf den Jahreskreis die Chance diesen Glaubenssatz mal von einer anderen Seite zu betrachten.

Der letzte Sonntag im Jahreskreis ist seit der Liturgiereform von 1970 der Christkönigsonntag. Früher am letzten Sonntag im Oktober angesiedelt und vor allem als das Fest der katholischen Jugend begangen, hat dieser Tag nun seinen Platz am Ende Kirchenjahres.

Was feiern wir an Christkönig?
Wo wir doch heute mit Königen allenfalls noch ein romantisches Klischee verbinden. England, Spanien, Holland, Schweden etc. haben noch Königshäuser. Aber was haben Königs denn noch zu melden? Machtvolle Herrscher sind die Könige unserer Tage nicht. Soll es das etwa sein, was Christus als König ist?

Christus ist ein ganz anderer König. Schon vor Pilatus betont er, daß sein Königreich nicht von dieser Welt ist. Und so ist Christus kein König mit glänzender Rüstung, der einem starken Heer voranreitet. Er ist kein König, der auf einem Thron sitzt und Hof hält. Er hat keine Schlösser, keine Burgen und kein Land. Aber er ist auch nicht der freundliche König von nebenan, der allenfalls noch den Grüßonkel macht.

Christus, der König, den wir am Ende des Kirchenjahres feiern, ist der König der kommenden Welt. Er ist der, dem vom Vater alle Macht im Himmel und auf der Erde übergeben wurde. Über Leben und Tod entscheidet er für die ewige Welt. Das Reich Gottes, dessen Kommen und Beginnen er hier unter uns verkündet hat und das er – als König – vollenden wird, das ist sein Reich.

Wir feiern diesen König in der Liturgie der Kirche und es wird an keiner Stelle deutlicher als unmittelbar nach der Wandlung in der Hl. Messe, wenn die Gemeinde dem Priester auf den Satz: “Geheimnis des Glaubens.” Mit: “Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.”, antwortet. Die Gemeinde wartet auf ihren König. Die Wiederkunft des Herrn und die Vollendung des Reiches Gottes ist das wirkliche und wichtigste Ziel auf das die ganze Kirche zugeht. Und um dies zu verdeutlichen, daß es um die Wiederkunft des Herrn geht, auf die wir zusteuern, hat das Fest des Christus König seinen Ort am Ende des Kirchenjahres.

Alles, was wir als Kirche insgesamt und als einzelne Gläubige tun, ist auf dieses zweite Kommen des Herrn ausgerichtet. Daß dies keine Aufforderung zum Fatalismus ist, zeigt ein von Jesus selbst in seiner Rede vom Weltgericht.

Der Juni ist in der Kirche in Deutschland stark geprägt vom Eucharistischen Kongress, der vom 5.-9. Juni 2013 in Köln stattfindet. Allen, die daran teilnehmen wünsche ich gesegnete Tage. Da ich selber auch dort sein werde, laufen wir uns ja vielleicht irgendwo über den Weg.

 

……aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten des allmächtigen Vaters

Christi Himmelfahrt, naja das ist irgendwie in den Köpfen der Leute Vatertag und irgendwie fast unverständlich, warum das wichtig sein sollte.

Faktisch stellt sich die Sache mit diesem Jesus so dar, er kommt aus dem Himmel zu uns, meint es gut, tut Gutes, verkündet die Wahrheit die offenbart werden muss, (weil man sie nicht erkennen kann, wobei Paulus (Röm, 1,20) behauptet man könne schon, aber defacto gilt wohl eher “Wir erkennen mit Mühe was doch auf der Hand liegt”, aber das nur nebenbei)

Und dann scheitert dieser Jesus und wird brutalst zu Tode gebracht und die Hoffnung, dass die Unschuld siegen könne, dass das Gute nicht unter den Stiefeln von Lüge, Verrat, Intrige, Dummheit, Übereifer, Lauheit, Unkenntnis, Gewohnheit  und so weiter, zertreten wird, die geht mal wieder unter.

Es scheint als würde die Frage des Johannes “Bist du es, oder müssen wir auf einen anderen warten?” zum hunderttausendsten Mal dahingehend beantwortet werden, dass man warten müsse.

Es scheint, als habe mal wieder die knallharte Realität über alle Hoffnungen das Märchen doch wahr werden könnten, gesiegt.

Gerade Chesterton wird nicht müde festzustellen, dass Christus uns die Tür ins Märchenland (nicht zu verwechseln mit Disneyland Paris, obwohl auch gerade in den Disneyfilmen, eben weil da das Gute  Ende siegt, die arme, aber gute Prinzessin  den schönen, guten Prinzen kriegt, und das Böse am Ende doch nicht gewinnt, sondern vernichtet wird, davon was lebendig ist) geöffnet hat. Und gerade Tolkien und C.S Lewis haben in Narnia und Herr der Ringe gezeigt, dass da was tiefes und wahres dahinter steckt, im Märchen als Hinweis auf Christus.

Auch R. Guradini nimmt sich auch immer wieder des Themas an, dass in den Märchen, Mythen und Sagen der Völker, das Eigentliche, die Wahrheit die Christus ist, vorgebildet und geahnt wird.

Kurz und gut, es scheint so, als sei die “Sache Jesu” gescheitert, aber dann ja dann ist dennoch nicht alles aus, nein er ist “auferstanden von den Toten”.

Trotzdem ist er anders, das Sein des Auferstandenen ist anders, als vorher!

Es ist nicht so wie in den Zorro Filmen, wo Zorro, nach 20 Jahren begraben sein im Kerker, halt dort ausbricht, auch nicht wie in Herr der Ringe wo der sich bei den Waldläufern verborgen (vergraben) habende Aragon halt als der König der Numenor entpuppt, auch nicht so wie im Märchen wo der versteinerte Königssohn aus der Versteinerung befreit wird.

Als diese fiktionalen Heldenfiguren sind nachher genauso Menschen wie vorher, mit den gleichen rein menschlichen Beschränkungen,  Plänen und Träumen. Selbst Gandalf der Weise ist immer noch so ähnlich wie vorher.

Christi Existenz ist anders, qualitativ anders, aber das kann man in den April Beiträgen nachlesen.

Man sollte nun erwarten, das er, dem der Tod offensichtlich nichts anhaben kann, ans Werk geht, mit seinen Feinden abrechnet, alle Bösen hinaus wirft, und anfängt das zu tun, was man seit Jahrtausenden erwartet, das Reich Gottes, endlich, endlich sichtbar aufzurichten.

Nichts von alledem, alle Erscheinungen des Auferstanden, haben etwas unwirkliches, etwas sagen wir so, unirdisches.

Ich denke von der Himmelfahrt aus, fällt Licht auf diese nach österliche Existenz Christus.

Christus ist eben nicht, wie die fiktionalen Helden gekommen, um auf der Erde ein Friedensreich, ein Gottesreich, ein Reich des Guten, oder wie man das auch immer titulieren will, zu errichten, er ist gekommen um uns “die Tür ins Paradies wiederaufzuschließen”. Er ist gekommen um uns den Weg in unser wahres zuHause zu eröffnen und dieses wahre zu´Hause ist nirgendwo auf dieser Welt, es ist bei Gott, im Himmel.

Das bedeutet definitiv und selbstverständlich nicht, dass man sich auf Erden, als Christ nicht mühen müsse  um das Wahre, Gute, Schöne, kurz die Tugenden, aber das Ziel menschlicher Existenz ist eben nicht auf der Erde zu finden.

Und das merken wir an der Himmelfahrt, der auferstandene Christus, der ganz Mensch ist, komplett mit allem was zum Menschsein dazu gehört, auch das Sterben! Dieser Christus geht dahin wo Menschsein, sich vollendet und das ist nicht auf der Erde.

Das ist ganz wichtig, und als Zeugin dafür, würde ich gerne die keinerlei katholischer Gedanken oder Sympathien  verdächtigte, Simone de Beauvoir anführen.

In ihrem Roman “Alle Menschen sind sterblich” stellt sie einen mittelalterlichen italienischen Stadtfürsten vor, dessen Alchemist in der Tat das Elixier des Lebens gebraut hat und der Fürst hat es getrunken und muss nun für immer und ewig auf dieser Erde herumrennen, ich finde das meisterhaft wie de Beauvoir die Schrecklichkeit einer solchen Existenz beschreibt.

Aber so ist Christus nicht auferstanden, er hat den Tod nicht irgendwie ausgetrickst, wie diese Beauvoirsche  Romanfigur, er hat ihn überwunden indem er ihn durchlebt hat.

Als ich Kind war, dachte ich die Formel “er hat den Tod besiegt” würde bedeuten, das der wahre Christ eben nicht mehr stirbt und ich muss sagen, die ersten Glaubenszweifel kamen mir als ich den Dienst des “Kerzentragens hinterm Sarg” verrichtete.

Das war ein örtlicher Brauch, wo Kinder mit brennenden Kerzen bei einer Beerdigung hinter dem Sarg hergingen. Da war nichts von wegen Tod besiegt.

Aber ich denke Himmelfahrt lehrt ja auch, das es nicht um irdische, innerweltliche Unsterblichkeit geht. Nein, wenn Christus den Tod besiegt hat, dann hat er ihn (den Tod) nicht aus der Welt geschafft, (jeder Friedhof ist davon Zeugnis).

Aber er hat den Tod dahingehend überwunden, das dieser nicht das Ende ist, sondern der Anfang des ewigen und wahren Lebens.

Ein ganz persönliches Zeugnis, als ich das allererste Mal in Rom war, haben mir die Katakomben ungemein imponiert. Die Kirche hat über 300 Jahre auf dem Friedhof überlebt! Das muss man sich mal vergegenwärtigen.

Ich denke einfach, weil sie glaubten, fest glaubten, das der Tod nicht das Ende ist,. sondern der eigentliche Anfang und das hätten sie (und wir) nicht glauben können, wenn Christus nicht in den Himmel aufgefahren wäre.

Jenseits von Hier und Dort

Wo ist das Mysterium Christi nun zu finden? Fürs erste sieht es aus, als ob Jesus fern ist. Weit weg. Irgendwo dort. Schließlich haben wir am Donnerstag Christi Himmelfahrt gefeiert. Er ist, in den Himmel aufgefahren, nicht mehr da, so könnte man meinen. Er sitzt dort oben auf der Wolke zur Rechten des Vaters. Große Distanz. Jetzt ist Jesus zwar auferstanden, aber was haben wir heutzutage davon, wenn er sich so weit entfernt hat?

Caro cardo salutis – das Fleisch/der Leib ist der Angelpunkt des Heils, betont Tertullian. Das Mysterium des Leibes erhellt dieses Glaubensmysterium. Ein menschlicher, sterblicher Leib vor der Auferstehung. Dann Leib 2.0 nach der Auferstehung mit zusätzlichen “Funktionen”: durch verschlossene Türen gehen, in großer Geschwindigkeit Distanzen überwinden. Und die Himmelfahrt? Bringt Leib 3.0: eine Entgrenzung von Raum und Zeit. Der Leib Christi kann ab jetzt überall und zugleich sein. Hat Jesus in seinem irdischen Leib nur an einem Ort zu einer Zeit sein können, kann er zugleich in Afrika, in Amerika, in Asien, in Australien und bei mir in Europa sein. Er ist wirklich da, bis zum Ende der Welt.

Diese vollendete Stufe des Leibes verdankt Jesus dem Heiligen Geist, ohne dass wir das schon so genau erklären könnten. Christi leibliche Gegenwart ist pneumatisch und sakramental vermittelt. Er ist nicht mehr in der Option gefangen, hier und nur hier zu sein, oder dort und nur dort zu sein. Er ist jetzt ganz Ohr zu jeder Zeit und an jedem Ort. Er ist somit jenseits von hier und dort, um wirklich ganz nahe zu sein. Der menschliche Leib ist nun ganz bei Gott, was das Sitzen zur rechten des Vaters auch ausdrückt: Wir werden als ganze Menschen erlöst. Das Mysterium des Leibes vollendet sich in der geistgewirkten Gegenwart Christi. Dieser Heilige Geist macht dich empfänglich für das, was der Vater dir durch den Sohn schenken will.

Ich bin dann mal weg …?

Im Glaubensbekenntnis sind wir nun an einer Stelle angekommen, die den Glauben der Jünger und auch unseren Glauben auf die Probe stellt. Ich hatte das schon mal bei der Auferstehung geschrieben, aber das war eine andere Kategorie von „auf die Probe stellen“. Zu glauben, dass Jesus auferstanden ist, ist eine Sache, aber nach dieser „Phase“ der Auferstehung, nach 40 Tagen, die er den Jüngern und Aposteln erschienen ist … verschwindet Jesus wieder, ist einfach nicht mehr da.

Dabei muss man sich auch vor Augen halten, wie die Evangelien hierüber berichten:

  • Matthäusevangelium: Fehlanzeige!
  • Markusevangelium: „Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.“
  • Lukasevangelium: „Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben“
  • Johannesevangelium: Fehlanzeige

Etwas erweitert formuliert die Apostelgeschichte (im Nachgang zum Lukasevangelium) wie folgt:

Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

Das war’s – weg ist er! Hat noch seine Anweisungen hinterlassen, den Heiligen Geist angekündigt, und dann ist er auf einmal nicht mehr da! Ich versuche mir vorzustellen, wie es den Aposteln danach gegangen sein muss. Rufen wir uns kurz in Erinnerung: Nach der Kreuzigung waren sie am Boden zerstört, ihr Traum von der Befreiung Israels hatte sich nicht erfüllt; dann taucht er plötzlich wieder auf, erscheint überraschend vor ihnen, gut gelaunt und quicklebendig, gibt seine Anweisungen zur Evangelisierung, deutet ihnen auch sein Leben, kündigt – wie gesagt – den Heiligen Geist an. Wie groß muss die Freude unter den Jüngern gewesen sein? Ihr Meister ist wieder da, jetzt wird alles gut – doch dann schon wieder diese Worte, dass er „zum Vater“ gehen wird; Zweifel, wie es weitergehen wird, kommen auf. Und dann ist er wieder verschwunden – und taucht auch nicht wieder auf! Wie groß muss die Trauer, auch die Verunsicherung, vielleicht sogar die Angst gewesen sein. Man könnte es jedenfalls nachvollziehen, wenn dem so gewesen wäre (jedenfalls vor der „Taufe mit dem Heiligen Geist“). Da ist es auch unerheblich, ob er nun auch optisch und räumlich in den Himmel erhoben wurde und in einer Wolke verschwunden ist – oder ob das nur ein Bild ist für etwas, was die Jünger nicht besser als so ausdrücken konnten. Das Ergebnis ist in jedem Fall das gleiche: Er ist weg!

Aber ist er das wirklich? Nach dem „aufgefahren in den Himmel“ kommt im Glaubensbekenntnis noch der Nachsatz, wen wir auch im Markusevangelium bestätigt finden: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“.

Was ist jetzt das? Jesus „sitzend“ neben Gott? Natürlich muss man hier auch wieder von einem Bild ausgehen, denn ein Sitzen auf einem Stuhl oder Thron ist wohl nicht das, was für Gott eine realistische „Haltung“ ist. Aber was bedeutet das dann? Stellen wir uns das tatsächlich vor, dann entwickelt sich das Bild, dass Jesus eben seinen Auftrag in der Welt (vorläufig) erfüllt hat, nun wieder heim kann zu seinem Vater, heim kann zu Gott, wieder eins mit ihm wird nach seiner Menschwerdung (mit der Formulierung stehe ich theologisch auf dünnem Eis, waren er und Gott doch nie „nicht eins“ – aber besser kann ich dieses Bild leider auch nicht erklären, was ich vor Augen habe). Zurück in seinem eigenen Königreich, das nicht von dieser Welt ist, nimmt er seinen rechtmäßigen Platz wieder ein. Mit Gott, als Gott, als König dieses Reiches.

Und als guter König ist Jesus natürlich nicht „weg“, sondern lediglich für seine Untertanen nicht sichtbar! Er regiert weiter, er regiert mit starker Hand, mit Liebe, mit Barmherzigkeit – allerdings nicht mehr so, dass wir ihn physisch vor uns sehen könnten, wie es die Jünger zu seinen Lebzeiten konnten.

So stehen wir heute vor dem gleichen Problem wie die Jünger damals: wir können das Wirken Gottes bemerken, ihn selbst aber nicht mehr sehen, nicht anfassen, nicht „beweisen“. Wie der Apostel Thomas (und alle anderen) sind wir wieder auf den Glauben zurück geworfen; wir erinnern uns daran, dass das Glaubensbekenntnis eben genau das beschreibt: einen Glauben: Ich glaube an Jesus Christus, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters! Ich glaube, wie in den vorherigen Monaten beschrieben, dass Jesus Gott ist, Mensch geworden und gestorben, auferstanden … und nun eben zu Gottvater heimgegangen ist und bei ihm ist, zu seiner Rechten sitzt.

Und darüber hinaus: das ganze ist auch noch in sich logisch, vernünftig: wenn ich daran glaube, dass Jesus wirklich Gott ist, eines Wesens mit dem Vater und doch nicht der Gleiche, dann ist er nach seiner Auferstehung eben nicht einfach „verschwunden“, sonst wäre er nicht Gott.

Ich gebe zu, für einen Menschen, der nicht glaubt, der die ersten Glaubenssätze des Glaubensbekenntnisses nicht unterschreiben kann, für den wird es jetzt erst richtig schwer, uns Christen zu folgen, für den mag das ganze vielleicht „in sich logisch“ aber eben doch konstruiert erscheinen. Für einen gläubigen Christen ist es aber eben einfach die Wahrheit, die Gott offenbart und die ich nicht ablehnen kann ohne in Widerspruch zu Gott zu geraten. Manchmal hilft in solchen Augenblicken nur mehr der einfache Glaube, die „Einfachheit des Geistes“, die Jesus so hoch gepriesen hat. Letztlich: Gott versucht, uns zu sich zu führen, er versucht uns seine Wahrheit beizubringen, aber er ändert sie nicht, nur damit wir sie leichter verstehen können … und ein paar dicke Enden kommen noch im Glaubensbekenntnis. Man tut also gut daran, sich von weltlichen Gedanken und Logiken zu lösen und der göttlichen Pädagogik zu folgen, wenn wir in den kommenden Monaten auf das Gericht, den Heiligen Geist, die Kirche etc. zu sprechen kommen. Sich an falsche Sicherheiten zu klammern kann einem sonst „den Arm auskugeln“.

Christi Himmelfahrt

Aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.

Vierzig Tage nach Ostern feiern wir Christi Himmelfahrt. Der Auferstandene, der vierzig Tage lang seinen Jüngerinnen und Jüngern erschienen war, dessen verklärter Leib schon auf Seine Erhöhung zu Gott hingedeutet hatte, der Seine Auffahrt selbst ankündigte („Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“, Joh 20, 17), Er ist nun ganz bei Gott. Er sitzt „zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“.

Mit dem Heimgang des Sohnes zum Vater endet die irdische Mission Jesu. Der menschgewordene Gott, der greifbare Jesus ist nicht mehr in der konkreten körperlichen Weise präsent, der historisch für alle merkliche Einschnitt, der eine neue Zeitrechnung beginnen ließ, nicht mehr unmittelbar nachzuvollziehen. Das Thomas-Thema der Wahrnehmbarkeit des Göttlichen ist von nun an der Begleiter jedes Menschen in der Nachfolge Jesu.

Mit dem Heimgang des Sohnes zum Vater endet die irdische Mission Gottes aber noch lange nicht. Denn wenn wir Christi Himmelfahrt feiern, so sind es nur noch zehn Tage bis Pfingsten. Mit dem Pfingstereignis beginnt eine neue Zeit, in der die Kirche, gelenkt vom Heiligen Geist, das Erbe Christi verwaltet und in ihren Sakramenten Gottes Liebe zu den Menschen zeichenhaft ausdrückt.

Christi Himmelfahrt ist also nicht der endgültige Abgang Jesu, dem wir wehmütig hinterher schauen, weil er uns verlässt, ja, weil er uns im Stich ließe, sondern der Heimgang Jesu, mit dem Er die Voraussetzung für den nächsten Schritt der Gemeinschaft des Dreifaltigen Gottes mit dem Menschen schafft, denn indem Jesus Seine Menschheit mit zum Vater nimmt, kann die Menschheit insgesamt zu Gott gelangen. Dieses Projekt beginnt zehn Tage später, an Pfingsten, mit dem Aufbau der Kirche Jesu Christi durch den Heiligen Geist.

So soll die Kirche, das ist Gottes Wille, nicht staunend stehen bleiben und gen Himmel starren, sondern in die Welt hinaus gehen und in der Kraft des Heiligen Geistes die Botschaft des heimgegangenen Sohnes verkündigen, der die Wahrheit des Vaters zu den Menschen brachte. Damit auch heute Menschen Anteil haben an diesem Neuen Bund zwischen Gott und Mensch, soll die Kirche sie unterweisen und taufen – im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. An diesem Auftrag hat sich auch 2000 Jahre später nichts geändert.

Josef Bordat