“… zu richten die Lebenden und die Toten”: keine besonders populäre Glaubenswahrheit. Die Rede vom “jüngsten Gericht” ist – wenn ich es recht sehe – aus Predigt und Katechese weitgehend verschwunden. Zu Unrecht, wie ich meine. Es ist nun schon 6 Jahre her, dass ich die Gelegenheit hatte, den Tübinger Pastoraltheologen Ottmar Fuchs für eine Publikation zum Thema “Gericht” zu interviewen. Fuchs hatte zuvor das empfehlenswerte Buch “Das jüngste Gericht. Hoffnung auf Gerechtigkeit” herausgebracht. Dieses Interview gebe ich im folgenden wieder (NK).
Herr Professor Fuchs, freuen Sie sich auf die Auferstehung?
Ja. Das ist zumindest meine erste spontane Antwort. Beim Nachdenken spüre ich aber auch eine Spannung: Ich hoffe, dass meine Geschichte und die der anderen Menschen gut ausgeht, aber ich kann nicht auf eine “billige” Gnade hoffen. Und mir kommen Fragen, etwa: Welche Rolle habe ich im Gefüge der Welt gespielt? Denn das wird bei der Auferstehung, bei der Begegnung mit Gott offenbar werden. Auferstehung heißt ja Auferstehung zum Gericht. Dieser Gedanke jagt mir keine Angst ein, aber ich spüre Gottesfurcht.
Das Gericht zu verkündigen, ist zur Zeit nicht sehr populär. Im Breisacher St.-Stephan-Münster gibt es ein monumentales Fresko von Martin Schongauer: Das Weltgericht. Im Laufe der Zeit wurde es übertüncht und auch beschädigt. Heute ist es zwar freigelegt, doch die Malerei ist verblasst. Man kann sie nur noch schemenhaft erkennen. Hat die Verkündigung des Gerichts nicht ein ähnliches Schicksal erlitten?
Ja, es ist wie ein Sinnbild für die verblassende Verkündigung des Gerichts. Übrigens habe ich Ähnliches einmal in Litauen in einer Wallfahrtskirche erlebt. In der Chorapsis befand sich ein großes Wandgemälde, das das Weltgericht zeigte. Aber es war vom barocken Hochaltar verdeckt. Das Bild ist noch da, doch niemand sieht es mehr.
Im Glaubensbekenntnis. heißt es von Jesus Christus, dass er wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Wird dieser Satz nicht mehr recht ernst genommen?
Nein, dieser Satz wurde in den letzten 50 Jahren nicht mehr ganz ernst genommen. Aus nachvollziehbaren Gründen übrigens, weil zuvor Höllendrohungen ein unangemessen großes Gewicht hatten. Nun ist das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen. Die Rede vom Gericht wurde aufgelöst zugunsten einer undifferenzierten Botschaft von der Liebe Gottes, die aber, weil sie so undifferenziert ist, das Leben mit seinen Abgründen nicht mehr ernst nimmt. In der Gesellschaft ist die Thematik allerdings sehr wohl noch präsent. In Filmen etwa. Die Bilder sind zum Teil unserer kirchlichen Verkündigung entnommen, im Kino dienen sie jetzt der Unterhaltung.
Können Sie in wenigen Sätzen sagen, was das Jüngste Gericht ist?
Im Gericht nimmt Gott unser Leben, wie wir es hier gelebt haben, zutiefst ernst. Ob wir Opfer waren, die um ihre Chancen beraubt wurden und ihr Leben verloren. Oder ob wir Täter waren, diejenigen, die anderen das Leben geraubt haben. Opfer und Täter, das sind jetzt Extreme; vermutlich stehen die meisten von uns auf beiden Seiten. All das, unser Leben und unsere Taten, das kommt im Gericht ans Licht. Und zugleich kommt Gott uns entgegen mit seiner unendlichen Liebe und seiner unendlichen Versöhnungsbereitschaft. Aber diese Liebe und Versöhnung macht die Erinnerung und das schmerzliche Selbst-Erkennen nicht einfach überflüssig. Die Liebe Gottes verdeckt und vertuscht nichts. Sie macht offenbar.
In Ihrem Buch beschreiben Sie das Gericht als schmerzhaften Prozess. Aber am Ende werden doch alle gerettet?
Das hoffen wir. Ja, wir hoffen, dass am Ende alle gerettet werden. Aber wir wissen es nicht. Wir haben das gute Ende nicht in der Hand. Und wir können Gott nicht festlegen, wir müssen ihm die Freiheit lassen. Wir können ihm nicht vorschreiben, dass er Menschen in die Hölle verbannen muss. Genauso wenig können wir ihm vorschreiben, dass er alle zu retten hat. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass Menschen so abgrundtief böse sind, dass sie sich dem Heil und der Versöhnung verweigern. Wir müssen an der Hölle als Möglichkeit festhalten…
… und hoffen, dass sie leer ist?
So hat es Hans Urs von Baltasar ausgedrückt. Ja, in dieser Formulierung finde ich mich wieder. Wir dürfen nicht vergessen, dass Heil und Verdammnis keine gleichwertigen Alternativen sind. Sonst würden wir die Erlösung durch Jesus Christus nicht ernst nehmen.
Wenn wir mittelalterliche Gerichtsdarstellungen sehen, etwa am Freiburger Münster, dann werden die Geretteten und die Verdammten gleichgewichtig dargestellt. Beide Bildteile nehmen den gleichen Raum ein.
Und dieses Bild stimmt auch, es gibt eine Scheidung zwischen Gut und Böse im Gericht. Aber wir befinden uns gewissermaßen auf beiden Seiten, da wir, jedenfalls die meisten von uns, Gutes und Böses getan haben. Ja, dieses Bild stimmt, aber es stellt nicht den gesamten Prozess dar.
Sie verstehen das Jüngste Gericht als prozesshaftes Geschehen.
Ja. Das Gericht ist etwas dynamisches, ist eine Begegnung mit Gott. Wer sich dem Gericht, dem Prozess der Begegnung mit Gott öffnet, der wird von der Liebe Gottes erfasst und gerettet. Wer sich diesem Prozess verweigert, ist verloren. Unsere begrifflichen Vorstellungen sind immer begrenzt, wenn es um die Letzten Dinge geht, deshalb bedient die Verkündigung so vieler Bilder und bildhafter Reden. Und wir müssen diese Bilder ernst nehmen und ins Gespräch bringen.
Nochmals zur Hölle: Taten, die zum Himmel schreien, rufen die nicht auch nach der Hölle?
Ja, der Satz stimmt. Taten haben einen “Unendlichkeitsanteil”: Es gibt Taten, die sind so abgrundtief böse, dass der Täter unendlich dafür büßen müsste. Diese Taten werden konfrontiert mit der unendlichen Vergebungsbereitschaft Gottes. Aber es kann sein, dass es Menschen gibt, die sich nicht dieser Versöhnungsbereitschaft öffnen.
In der Weltgerichtsrede Mt 25, 311ff gibt Jesus ganz konkrete Kriterien für das Gericht an, nämlich die sechs Werke der Barmherzigkeit und damit das Engagement für die Armen. Die Versuchung liegt nahe, diese Rede irgendwie abzuschwächen, als Mahnung, die man aber nicht so ernst nehmen müsste…
Wir müssen sie ernstnehmen. Mt 25 ist keine metaphorische Rede. Ich verstehe den Text genauso, wie er da steht: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. – Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.” Wir müssen von zwei Realpräsenzen Christi sprechen: in der Eucharistie und in den Armen. In den Armen begegnen wir wirklich und wahrhaftig Jesus.
Wenn ich Mt 25,31ff lese, ist das wir ein stachel im Fleisch. Mir fällt mir dann immer die bange Frage der Jünger nach der Begegnung mit dem reichen Jüngling ein: “Wer kann dann noch gerettet werden?” (Mt 1925). Erst die Antwort Jesus “Für den Menschen ist das nicht möglich, aber für Gott ist nichts unmöglich” gibt mir Hoffnung. Und mir fällt der Satz des Zöllners im Tempel ein: “Gott, sei mir Sünder gnädig.”(Lk 18,33).
Ja, das gehört zusammen. Der Anspruch Jesu, hinter dem fast alle von uns zurückbleiben. Und die Hoffnung auf die Gnade Gottes. Das Gericht ist Urteil und Gnade zugleich. In der Verurteilung spricht Gott den Menschen gerecht. Nicht weil dieser es von sich aus ist, weil ihm die unendliche Liebe Gottes entgegenkommt.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich nicht nur der Mensch vor Gott verantworten muss. Sondern auch Gott muss sich vor den Menschen rechtfertigen. Ist das nicht Blasphemie?
Eine biblisch abgesicherte Blasphemie, wenn Sie so wollen. Wir finden den Gedanken im Buch Hiob. Hiob klagt Gott an. Die drei Freunde Hiobs wollen diese Anklage nicht zulassen. Aber Gott gibt am Ende Hiob Recht, nicht den drei anderen. Die Opfer der Geschichte, die Kaputtgemachten, die Ermordeten, die Verhungerten… sie haben ein Recht darauf, dass Gott auf ihre Klage antwortet. Die quälende Warum-Frage wird in der Bibel oft gestellt – denken Sie an die Psalmen – , aber nirgendwo beantwortet. Gott wird sich rechtfertigen müssen im Gericht. Dieser Gedanke ist unabdingbar, wenn wir Gott als allmächtigen Schöpfer wirklich ernstnehmen wollen. Warum hat Gott die Welt so geschaffen, wie sie ist? Warum lässt er so viel Leiden zu?
In Jesus Christus begegnet Gott uns selbst als Leidender, als Mit-Leidender.
Ein zentraler Punkt. Jesus Christus selbst wird die Klage der Opfer geghen Gott Vater anführen. Wir rühren hier an eine innergöttliche Dramatik. Gott Vater kann nicht leiden, sagt uns die Theologie. Aber der auferstandene und erhöhte Christus trägt die Wundmale. Sie sind verklärt, aber nicht verschwunden. Am Kreuz hat Christus selbst den Klagepsalm 22 angestimmt. Er steht in der Reihe der Opfer und führt sie an. Jesus Christus bezeugt uns aber auch, dass wir nicht allein gelassen sind im Leiden. Er bezeugt nicht nur die Klage gegen Gott, sondern auch die Antwort Gottes. Wenn wir Christen von Gott reden, dann können wir dieses Beziehungsdrama nicht ausblenden.
Wird es nicht doch allzu oft ausgeblendet? In Katechese und Predigt zum Beispiel? Haben wir nicht auch eine Christologie-Krise in der Glaubensverkündigung? Zwar ist viel von Jesus die Rede, aber zu wenig von Christus als unserem Erlöser?
Möglicherweise. Zumindest ist die Gefahr der Banalisierung groß. Vielleicht gibt es aber eine unbewusste Sehnsucht nach Christologie. Das könnte die große Nachfrage nach dem Jesus-Buch des Papstes erklären. Benedikt XVI. geht es ja um die Identität von historischem Jesus und geglaubtem Christus.
Welchen Einfluss hat die Rede vom Gericht für eine christliche Lebensgestaltung?
Wer angesichts des Jüngsten Gerichts lebt, der wird seine Schuld, sein Versagen, nicht leugnen. Sünden müssen nicht versteckt oder verdrängt werden. Im Sakrament der Buße haben wir eine Vorwegnahme des Gerichts. Die Absolution ist ein richterlicher Akt: Schuldurteil und Vergebung zugleich. Aber auch im alltäglichen Leben ist wichtig, Schuld aufzudecken – und zu vergeben. Die Botschaft vom Gericht führt uns zur Solidarität mit anderen, auch zum stellvertretenden Handeln. Für die Verstorbenen etwa im Fürbittgebet. Hier kann ich noch etwas für die Toten tun. Oder denken Sie an stellvertretende Sühne. Albert Schweitzer ist nach Lambarene gegangen, um Sühne zu leisten für das, was die Europäer Afrika angetan haben.
“Sühne” ist nun auch nicht gerade ein populärer Begriff.
Nein, aber ein notwendiger. Mit unserem wohltemperierten Glauben erreichen wir die Abgründe nicht mehr, die sich in der Geschichte und in unserer Gegenwart auftun.
Wann haben Sie zuletzt über das Gericht gepredigt?
Dieses Jahr in der Fastenzeit. Ich habe positive Erfahrungen gemacht. Ich bin darauf angesprochen werden, das es gut getan hat: “Endlich hat mal einer dieses Thema angepackt!” Wir dürfen das Gericht nicht tabuisieren. Das Thema macht vielen Menschen Angst, aber ein Verschweigen löst das Problem nicht. Und eine bloße Liebe-Gott-Verkündigung ist zu platt.
Das Interview ist zuerst publiziert worden in: “Himmel – Hölle – Fegfeuer”, IMPULSE für die Pastoral, Heft 4/2007; als PDF-Datei im Download-Archiv des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Freiburg

